Die Gürtelrose-Impfung und das Demenzrisiko

Gürtelrose ist eine schmerzhafte Hauterkrankung, bei der sich kleine Bläschen in einem gürtelförmigen Muster vor allem am Rumpf oder im Gesicht ausbreiten. Verursacht wird sie durch das Varizella-Zoster-Virus, das in der Regel im Kindesalter Windpocken auslöst. Nach überstandener Erkrankung schlummern die Viren jahrzehntelang unbemerkt in den Nervenknoten und können unter bestimmten Umständen reaktiviert werden. 

Etwa ein Drittel aller Menschen, die Windpocken hatten, erkrankt im späteren Leben an Gürtelrose. Als wichtigste Risikofaktoren gelten ein höheres Alter und chronische Erkrankungen. In der Schweiz empfiehlt das Bundesamt für Gesundheit (BAG) deshalb Menschen ab 65 Jahren sowie Personen mit einer Immunschwäche bereits ab 50 Jahren eine Impfung gegen Gürtelrose. «Es ist eine sehr effiziente Impfung», sagt Irene Alma Abela, Oberärztin an der Klinik für Infektionskrankheiten und Spitalhygiene am Universitätsspital Zürich. Der Schutz beträgt weit über 90 Prozent. 

Seit einiger Zeit nun mehren sich die Hinweise darauf, dass die Gürtelrose-Impfung einen überraschenden Zusatznutzen haben könnte. Laut dem Ergebnis mehrerer Untersuchungen senkt sie auch das Risiko für eine Demenz. 

Impfung senkt Demenzrisiko um 20 Prozent

Im April 2025 publizierten Ökonomen eine Studie, in der sie die Gesundheitsdaten von 280'000 Seniorinnen und Senioren aus Wales analysierten. Ab September 2013 konnten sich Personen in Wales gegen Gürtelrose impfen lassen, allerdings nur jene, die noch nicht 80 Jahre alt waren. Alle, die am oder nach dem 2. September 2013 geboren wurden, konnten die Impfung erhalten; jene, die vor diesem Stichtag geboren wurden, wurden nicht geimpft. 
 

Die Studie verglich die Gruppe, die in der Woche vor dem Stichtag geboren wurde, mit der Gruppe, die in der Woche danach geboren wurde - von diesen liess sich etwa die Hälfte impfen. In den folgenden sieben Jahren erhielten 17.5 Prozent der Personen aus der ungeimpften Gruppe eine Demenzdiagnose. In der geimpften Gruppe waren es dagegen nur 14 Prozent. Das entspricht einer Verringerung des Demenzrisikos um 20 Prozent. Die Autoren gehen davon aus, dass die Gürtelrose-Impfung der Grund dafür war, dass weniger Demenzfälle diagnostiziert wurden.
 

Inzwischen liegen Ergebnisse aus weiteren Studien vor - aus Australien, den USA und Kanada. Sie weisen alle in dieselbe Richtung: Eine Gürtelrose-Impfung senkt das Demenzrisiko um etwa 20 Prozent oder verlangsamt das Fortschreiten einer bereits bestehenden Demenz. Allerdings kam in den meisten dieser Studien ein älterer Lebendimpfstoff zum Einsatz, der heute kaum mehr verwendet wird. Ob auch der neue Impfstoff das Demenzrisiko zu senken vermag, ist noch unklar. Dafür spricht indes die Studie aus den USA, die beide Impfstoffe miteinander verglichen hat. Dabei erwies sich der neue Impfstoff sogar als wirksamer gegen die Demenz. «Dieses Ergebnis ist jedoch noch mit etwas Vorsicht zu geniessen, denn bezüglich des neuen Impfstoffes gibt es erst wenige Studien», sagt Hartmut Hengel, Direktor des Instituts für Virologie am Universitätsklinikum Freiburg, an dem das Konsiliarlabor für das Varizelle-Zoster-Virus angesiedelt ist. 

Ebenfalls unklar ist, vor welchen Formen der Demenz die Impfung schützt. «Die Datenqualität erlaubt es zurzeit noch nicht, zwischen den verschiedenen Demenzformen zu unterscheiden», sagt Hengel. «Wir sprechen bisher von einem breiten, nicht differenzierenden Demenzbegriff im höheren Alter.» Ob die Schutzwirkung auch für spezifische, früher eintretende Formen der Demenz wie etwa der Frontotemporalen Demenz (FTD) gilt, die bereits im Alter zwischen 50 und 60 auftritt, ist noch unklar. 

Auffallend ist, dass der Effekt in den meisten Studien bei Frauen deutlich stärker war als bei Männern. «Frauen erkranken häufiger und auch früher an Gürtelrose, und sie erkranken auch etwas häufiger an Demenz», erklärt Hengel. «Das könnte erklären, warum die Schutzwirkung bei Frauen stärker ausgeprägt ist.» 

Verschiedene Hypothesen zum Wirkmechanismus

Wie beeinflusst die Gürtelrose-Impfung das Demenzrisiko? Dazu gibt es derzeit verschiedene Hypothesen. Das Varizella-Zoster-Virus, das zur Gruppe der Herpesviren gehört, ist neurotrop - es befällt also Nervenzellen. «Wenn wir mit dem Impfstoff verhindern können, dass die Viren reaktiviert werden und Nervenzellen schädigen, dann schützt das sicher die Hirngesundheit», erklärt Irene Alma Abela. Für Hartmut Hengel spricht die Tatsache, dass sowohl der ältere als auch der neue Impfstoff eine Wirkung zeigen, für eine ursächliche Beteiligung des Varizella-Zoster-Virus an der Demenzentwicklung. «Denn die beiden Impfstoffe entfalten ihre Wirkung auf sehr unterschiedliche Weise.»

Möglich wäre aber auch ein indirekter Wirkmechanismus: Die Impfung könnte das Immunsystem im ganzen Körper modulieren. Entzündungen gelten mittlerweile als wichtiger Faktor in der Entwicklung von Demenz. «Wenn wir Infektionen verhindern oder vermindern können, ist das im Alter grundsätzlich etwas Gutes» erklärt Irene Alma Abela. 

Dass Schutzimpfungen indirekt positive Effekte entfalten können, ist bereits bekannt. So senkt zum Beispiel die Influenzaimpfung das Herzinfarktrisiko. Neue Daten deuten darauf hin, dass sie möglicherweise auch das Demenzrisiko reduziert. So hat eine Studie unlängst gezeigt, dass ein hochdosierter Influenza-Impfstoff bei Personen über 65 Jahren das Demenzrisiko im Vergleich zur normaldosierten Impfung verringert. Allerdings betrug die Laufzeit dieser Studie nur drei Jahre. 

Wird der Effekt überschätzt?

Die bisher vorliegenden Studien zum Zusammenhang zwischen Gürtelroseimpfung und Demenzrisiko gelten als hochwertig, denn sie folgen einem «natürliches Studiendesign»: Die Vergleichsgruppen unterscheiden sich einzig darin, ob sie geimpft wurden oder nicht. Manche halten die Resultate deshalb bereits für sehr robust. «Wäre dieser Impfstoff ein Medikament und würde er das Alzheimer-Risiko um 20 Prozent senken, würde dies als bedeutender Durchbruch bei der Prävention dieser Krankheit gelten», kommentierte etwa der US-amerikanische Arzt und Blogger Eric Topol die Befunde.
 

Doch nicht alle Experten folgen dieser Einschätzung. «Auch diese ‘natürlichen Studiendesigns’ sind nicht vor Verzerrungen gefeit», sagt Marc Veldhoen, Professor für Immunologie an der Universität von Lissabon. «Die Gürtelroseimpfung hat vermutlich einen schützenden Effekt, aber ich glaube nicht, dass dieser im zweistelligen Bereich liegt.» Der Grund: Selbst bei natürlichen Studiendesigns lassen sich nicht alle verfälschenden Faktoren herausrechnen, so dass der Schutz höher ausfällt, als er in Realität ist. Tatsächlich konnten britische Forscher in einer grossen, noch unveröffentlichten Studie die Wirksamkeit der Gürtelroseimpfung bei der Vorbeugung von Demenz nicht bestätigen.
 

Mehr Klarheit könnten randomisierte, kontrollierte Studien schaffen, bei denen zwei Gruppen nach dem Zufallsprinzip aufgeteilt werden und die eine geimpft wird, die andere nicht. Doch solche Untersuchungen sind schwer durchzuführen, da die Gürtelroseimpfung in vielen Ländern bereits etabliert ist. Somit fehlen ungeimpfte Kontollgruppen.

Eine Ausnahme bildet Dänemark, wo die Impfung noch nicht im nationalen Impfplan angeboten wird. Dort werden für eine klinische Studie derzeit über 100.000 Personen rekrutiert, um zu prüfen, ob der neue Impfstoff über einen Zeitraum von drei Jahren kardiovaskuläre Komplikationen oder Demenz reduziert. Allerdings wirft die Studie auch ethische Fragen auf. «Darf man Menschen eine Impfung vorenthalten, die nachweislich gegen Gürtelrose schützt?», sagt Veldhoen. 

Endgültige Antworten, ob und in welchem Umfang die Gürtelroseimpfung das Demenzrisiko senkt, wird es so schnell nicht geben. «Die bisher publizierten Daten sind nicht das Ende der Diskussion, sondern vielmehr der Anfang», sagt Veldhoen. «Nun muss der Zusammenhang anhand unterschiedlicher Studiendesigns untersucht und es müssen plausible biologische Mechanismen identifiziert werden.» 

Impfrate erhöhen

Sollte sich der Schutzeffekt aber tatsächlich bestätigen, stellt sich eine neue Frage: Könnte eine frühere Impfung einen noch stärkeren Effekt gegen Demenz bieten? In der Schweiz wird die Herpes-Zoster-Impfung seit 2022 für gesunde Personen ab 65 Jahren von der Krankenkasse vergütet. In Deutschland ist dies bereits ab 60 Jahren der Fall. Das Vereinigte Königreich hat kürzlich angekündigt, die Altersgrenze auf 60 Jahre zu senken. Wäre es sinnvoll, dies auch in der Schweiz zu tun? 

Die Herpes-Zoster-Impfung verfolgt das Ziel, Gürtelrose zu verhindern - nicht Demenz. «Es gibt zum aktuellen Zeitpunkt keine Überlegungen dazu, die Altersgrenze in der Schweiz anzupassen», schreibt das BAG auf Anfrage. «Die Impfempfehlungen werden aktualisiert, wenn die Evidenzlage klar und ausreichend ist. Das ist im Moment in Bezug auf die Impfung gegen Herpes Zoster nicht gegeben.» 

Wichtig sei es, die über 65-Jährigen über die Impfung zu informieren und aufzuklären, sagt Irene Alma Abela. Der Impfstoff aktiviert das Immunsystem deutlich und kann deshalb vergleichsweise oft Impfreaktionen verursachen. «Die häufigsten unerwünschten Wirkungen sind Schmerzen, Rötung oder Schwellung an der Injektionsstelle und Fieber», sagt Abela. Die Krankheitsgefühle können wenige Tage andauern.
 

«Es ist wichtig, dieses Thema offen anzusprechen, damit auch die zweite Impfung gemacht wird», sagt Abela. Denn für den vollständigen Schutz sind zwei Impfungen erforderlich. Die zwei Tage Schmerzen sollten Leute nicht davon abhalten, denn der Nutzen der Impfung überwiegt deutlich. «Am glaubwürdigsten könnten dies Hausärztinnen und Hausärzte vermitteln, die am nächsten an den Patientinnen und Patienten sind», sagt Abela.

Der Zusammenhang zwischen Gürtelrose-Impfung und vermindertem Demenzrisiko ist überraschend - und könnte auf längere Sicht die Alzheimer- und Demenzforschung voranbringen. Für den Virologen Hengel stellt sich die Frage, ob neben dem Varizella-Zoster-Virus auch andere neurotropen Herpesviren bei der Entwicklung von Demenz eine Rolle spielen. «Es gibt eine ganze Reihe von Herpesviren, denen wir in der Medizin wenig Beachtung schenken, weil sie nicht so auffällige Krankheitsbilder hervorrufen wie die Gürtelrose», so Hengel. Jeder von uns trage, ohne es zu merken, solche Herpesviren in sich. Sie befallen das Nervensystem und könnten sich womöglich ebenfalls demenzfördernd auswirken. «Aus meiner Sicht würde es sich sehr lohnen, diese Viren näher zu erforschen.»

Hintergrundinformation über die zwei Impfstoffe

In der Schweiz gibt es zwei Impfstoffe: beim älteren Zostavax handelt es sich um einen abgeschwächten Lebendimpfstoff. Er wird heute kaum mehr verwendet. Heute kommt fast ausschliesslich der Impfstoff Shingrix zur Anwendung. Er enthält nur ein Antigen des Varizella-Zoster-Virus. Im Unterschied zu Zostavax enthält es auch ein Adjuvans aus dem südamerikanischen Seifenrindenbaum, das für eine Verstärkung der Immunantwort sorgt.

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